Radiobeiträge

Publikationen - Texte Online - Radiobeiträge - Monographien

 

WDR, 2002: Meinung über Bücher:
Franz Werfels 'Stern der Ungeborenen'

Wiedergelesen

Wie alle hohe Literatur ist auch der 1945 im amerikanischen Exil vollendete Roman von Franz Werfel, Jahrgang 1890, vielschichtig. Aber so oder so betrachtet, er bietet allemal eine spannende Lektüre. Werfel konnte noch im eigentlichen Wortsinn fabulieren. Was ihm - dem internationalen Publikumsliebling - zuweilen den Vorwurf eingetragen hat, seicht zu schreiben. Fraglos ein Fehlurteil, wenngleich sich der Dichter um literarische Formfragen kaum gekümmert hat und einem etwas expressiven Stil frönte. Das trifft etwa auf seinen großen Roman über den Völkermord an den Armeniern zu, erschienen 1933 unter dem Titel "Die vierzig Tages des Musa Dagh, der im Übrigen das Schicksal der europäischen Juden vorweg geahnt zu haben scheint. Sein spätes Hauptwerk hingegen ist sprachlich abgeklärt und klar gegliedert. Das Buch sprüht dennoch vor Phantasie und Witz, wiewohl ein auf Weltschmerz gestimmter Grundton durchklingt. Es kommt darin eine Epoche zum Ausdruck, die durchpflügt wurde von Vertreibungen, Massenmorden, Fanatismen aller Art und - von Krieg. Werfel war als Zeitzeuge zugleich mehrfach ein Betroffener: Im Ersten Weltkrieg rettete ihn die Intervention von Harry Graf Kessler vor dem frühen Tod an der Front; später sprang er dem braunen Moloch nur so gerade eben von der Schippe.

Um all das handelt es sich im ‚Stern der Ungeborenen‘ nur sehr indirekt. Wir haben es vielmehr auf den ersten Blick mit einem Reiseroman zu tun, aber um einen der besonderen Art. Der Erzähler reist diesmal in die Zukunft, genauer gesagt: Er wird mit Hilfe spiritueller Kräfte aus dem Totenreich in die astromentale Gegenwart des Jahres 101 945 ‚zitiert‘, um als interessanter Gast aus dunkler Vorvergangenheit den Zeitgenossen bei einer Familienfeier zu assistieren. In dieser uchronischen Ferne verlebt er drei lange Tage, ehe er in seine eigene Zeit zurückgeschickt wird, um nun, wie ein moderner Herodot, dem Hier und Heute über seine Erfahrungen aus dem Kommenden zu berichten.

Ein utopischer Roman also, gar science fiction? Ja und nein. Tatsächlich schildert Werfel eine Zukunft der Zukunft voll faszinierender Errungenschaften. Anfangs ist der Reisende durch die politisch gereifte und ‚technisch‘ perfekte Welt in den Bann geschlagen, gerade weil Technik in unserem maschinellen Verständnis überwunden werden konnte. Jene "menschenfresserische Zivilisation einer auf götzendienerischen Tabus errichteten Gesellschaft, wo Oben und Unten, Schön und Häßlich durch tödliche Abgründe voneinander getrennt lebten", diese Geißeln der Gegenwart hatten die Astromentalen endgültig hinter sich gelassen.

Auf den zweiten Blick indes hat Werfel ein doppelbödiges Buch verfasst, wodurch ‚Stern der Ungeborenen‘ wieder hochaktuell wirkt. Mitten in einer Epoche, die genetisch wie robotronisch daran geht, die Voraussetzungen der Evolution in ihre eigenen Hände zu nehmen, kann dieses Buch vor einem blinden Alles-Machen-Wollen warnen. Werfels Roman liest sich wie eine Aufforderung, das - soll man sagen - Ptolemäische im Menschen im Blick zu behalten. Bei den Astromentalen nämlich konnte er lernen, dass zivilisatorische Höchststände auch erschreckende Unifizierungen nach sich ziehen können.

Ist das vielleicht der Preis für die Vergeistigung des Seins, die jede mögliche Weiterzivilisierung bedingt? Die damit einhergehende Schrumpfung der Erfahrungsfülle, begleitet von einem Verlust an Umweltreizen - von Natur keine Spur -, das verbucht Werfel noch unter den lässlichen Fortschrittskosten, betrachtet man ansonsten die Nutzenbilanz. Die Summe der Entzugsprozesse aber, die den Abstraktionsweg der Höherentwicklung begleiten, wirft Fragen nach der leiblich-emotionalen Befriedigung der Menschen auf. Und sie lässt, so der Erzähler, noch in der fernen Hochzukunft eine "Verführung der Rückfälligkeit" wachsen.

Nachdem das erste Erstaunen abgeklungen ist, notiert der Zeitreisende daher lauter Nischen, die sich der "Verarmung des Lebens an Buntheit und Fülle" widersetzen. Der Roman endet mit einem Angriff der als ‚Dschungel‘ symbolisierten Leiblichkeit auf die Kognition: Die Hochgeistigen sehen sich in diesem mit psychischen Geschossen ausgefochtenen futurischen Krieg rasch in die Knie gezwungen.

Der Erzähler, der mitten im Chaos wieder in seine Epoche expediert wird, leidet an der erfahrenen Bedrohung des Fortschritts durch sich selbst, der doch all jene Barbareien hinter sich gelassen hatte, die seine Mitwelt quälen. Gerade deswegen mahnt er an, beim Modernisieren nicht zu vergessen, dass "jeder Gewinn auf einem Verlust beruht". Fortschritt bleibe ein faustischer Pakt. Er könne - wenn überhaupt - nur gelingen, falls selbst im schönsten Änderungsdrang die Rede sei von einem ‚Fortschritt im Geist der Menschlichkeit‘, wenn sich der alte Adam also nicht gänzlich vergessen sieht. Mit diesem Appell spricht Werfel auch Abgründigkeiten eines Vorwärtsstrebens ohne Maß an, die uns Heutige beunruhigen.

‚Stern der Ungeborenen. Ein Reiseroman‘, Gesammelte Werke in Einzelbänden, Hrsg. Knut Beck, Frankfurt am Main: Fischer 1998